Der Antipräsident

Als Staatsbürger, dessen Kandidatin/Kandidat bereits nach dem ersten Durchgang nicht mehr am Rennen um das Amt des Bundespräsidenten beteiligt ist, hat man es in diesen Tagen nicht ganz leicht: Auf der einen Seite möchte man sein Wahlrecht natürlich nutzen und sich am demokratischen Prozess beteiligen. Auf der anderen Seite stehen zwei Personen zur Auswahl, mit denen ich persönlich meine liebe Not habe. Und damit bin ich vermutlich nicht allein.

Besonders interessant finde ich, dass beide Herren davon profitieren, dass die Mehrheit ihrer Wähler etwas nicht will. Gewiss, es wird überzeugte Hofer- und genauso überzeugte Van-der-Bellen-Wähler geben. Aber die werden die Wahl nicht entscheiden, dafür sind es zu wenig. Es stehen sich zwei Lager gegenüber, was beide Kandidaten am Abend des ersten Wahlgangs eigentlich offiziell noch vermeiden wollten. Die einen wollen endlich eine Abkehr von Rot-Schwarz in diesem Land und rechnen Van der Bellen als Grünen ebenfalls dem “Establishment” zu. Für diese Gruppe der Frustrierten kann es als Bundespräsident nur Norbert Hofer geben. Dabei ist es auch völlig egal, was das für Konsequenzen nach sich ziehen könnte.

Die anderen wollen Hofer (und damit die FPÖ) um jeden Preis verhindern und geben ihre Stimme deshalb Van der Bellen, auch wenn sie ihn eigentlich nicht für einen geeigneten Kandidaten halten. Dieser Trend hat auch die halboffizielle Parteipolitik mittlerweile erfasst, indem einige ÖVP-Granden in einem Brief um Stimmen für ihn gebeten haben. Die SPÖ und die Grünen waren seit der Verkündigung der Ergebnisse des ersten Wahlgangs logischerweise ohnehin beinahe vollständig auf der Seite Van der Bellens.

Die Frage, die sich mir nun stellt, ist, welcher Block gewinnen wird: Schafft der Schulterschluss eine Mehrheit oder wird genau auf diese Weise ein Jetzt-erst-recht-Gefühl ausgelöst, das stark genug ist, die Entscheidung zugunsten Hofers herbeizuführen. Es wird jedenfalls ein spannender 22. Mai und am Ende werden wir den Bundespräsidenten haben, der für die Mehrheit der Österreicher das “Nicht” besser verkörpert. Einen Antipräsidenten, sozusagen.

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