Janne Teller: Nichts

Teller - NichtsVor mittlerweile zwei Jahren hat mich eine Kollegin auf ein Buch aufmerksam gemacht, das aus ihrer Sicht in der Schule unbedingt gelesen werden sollte. Nachdem man dem Literaturgeschmack dieser Dame üblicherweise getrost vertrauen kann, habe ich mir das Werk besorgt und gelesen. Und ich war sehr gespannt, wie Schülerinnen und Schüler darauf reagieren würden. Es geht um den Roman “Nichts. Was im Leben wichtig ist.” der dänischen Schriftstellerin Janne Teller (*8. April 1964).

Die Handlung beginnt völlig harmlos damit, dass eine Schulklasse nach den Ferien zurück in ihr Klassenzimmer kommt und einer von ihnen, Pierre-Anthon, dessen Eltern im Ruf stehen, Hippies zu sein und in beinahe kommunistischen Verhältnissen zu leben, eröffnet, dass nichts im Leben von Bedeutung sei, da mit dem Tod ohnehin alles ende. Daraufhin verlässt er die Klasse und betritt sie nie wieder. Stattdessen setzt er sich in einen Pflaumenbaum und nervt vorbeikommende Mitschüler mit nihilistischen Wortmeldungen, die gelegentlich von halbreifen Pflaumen begleitet werden.

Diese sind in ihrem Weltbild erschüttert: Wie kann es sein, dass jemand einfach so aussteigt? Und keine Gedanken an seine Zukunft verschwendet? Dieser Erschütterung begegnen sie mit jugendlichen Lösungsansätzen. Pierre-Anthon soll überzeugt werden, dass seine Ansichten falsch sind. (An dieser Stelle offenbart sich erstmals der später noch viel stärker werdende Druck der Masse auf den, der sich gegen sie stellt.) Nachdem sie ihm argumentativ nicht beikommen, versuchen sie es mit Gewalt. Eine Attacke der gesamten Klasse, bei dem der Philosoph im Baum mit Steinen blutig geworfen wird (hier bitte keine Überinterpretationen…), bringt ebenfalls keine Besserung der Situation. Die rettende Idee kommt: Man muss Pierre-Anthon beweisen, dass es Dinge gibt, die von Bedeutung sind. Diese wollen die Schüler sammeln und dem Ausgebrochenen zeigen – vor diese Tatsachen gestellt wird er ja kaum mehr leugnen können.

Der Berg aus Bedeutung

Wie von selbst entwickelt sich ein gewisses System, anhand dessen dieser Haufen befüllt werden soll: Der- oder diejenige, die zuletzt seine oder ihre “Bedeutung” abgegeben hat, wählt den Nachfolger und dessen Abzugebendes aus. Die Gruppe agiert beinhart, niemand kann sich einer einmal ausgesprochenen Forderung noch entziehen. Da die Opfer immer größer und “bedeutsamer” werden, steigt auch der Wunsch nach Rache der Abgeber immer weiter und so nimmt das Geschehen seinen Lauf. Von den grünen Sandalen der Ich-Erzählerin Agnes bis zum Zeigefinger eines Mitschülers ist es ein weiter Weg, den die Jugendlichen konsequent beschreiten. Konsequent und ohne an die Folgen ihres Handelns zu denken.

Der Berg aus Bedeutung wird schließlich entdeckt und soll nach kurzer Zeit in den lokalen und dann auch überregionalen Medien an ein nicht näher genanntes Museum, das stark an das MOMA erinnert, verkauft werden. Kurz davor kommt es allerdings noch zur Katastrophe, die an dieser Stelle nicht verraten werden soll.

Ein verstörendes Buch

Wie Tilman  Spreckelsen in seiner Rezension in der FAZ richtig anmerkt, ist das Skandalöse dieses Buches nicht, dass Gewalttaten ausgeführt werden, auch Sexszenen gibt es keine. Es ist die unglaubliche Kälte, die die Jugendlichen an den Tag legen, um ihr (eigentlich wirklich bedeutungsloses und nur aus ihrer internen Gruppendynamik erklärbares) Ziel zu erreichen. Auch die Grausamkeit, mit der am jeweiligen Nachfolger Rache genommen wird und die Naivität der Erzählerfigur Agnes, die über das Geschehene Jahre später berichtet, machen zu schaffen.

Diese Meinung teilen großteils auch meine Schülerinnen und Schüler, die das Buch zu lesen bekommen. Die Bewertungen, die sie dafür abgeben, sind unter den besten, die Bücher in meinen Klassen bekommen. Viele von ihnen schreiben in ihren Kulturportfolios darüber und werden so “Opfer” von Literatur, die aufrüttelt und dazu anregt, eigene Grundsätze anzuzweifeln. Zumindest kurzfristig zieht man sich ebenfalls auf einen geistigen Pflaumenbaum zurück und beginnt zu überlegen, ob das alles wirklich von Bedeutung ist, was man hier so macht.

Teller, Janne: Nichts. Was im Leben wichtig ist. Carl Hanser Verlag (München), ISBN 978-3-446-23596-0 (Übersetzung aus dem Dänischen von Sigrid C. Engeler)

 

 

Bildnachweis: https://ecx.images-amazon.com/images/I/61Dsm0PUZHL._SL1500_.jpg, 17. Mai 2016

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