Mondnacht

 

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt’.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis’ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

 

(Joseph von Eichendorff, 1873)

 

Auch auf die Gefahr, dass es etwas abgedroschen wirkt, beginnt meine Gedichtsammlung mit der Mondnacht von Joseph von Eichendorff, einem meiner Lieblingsromantiker. Ich finde es bei jedem Lesen wieder beeindruckend, wie viel Stimmung, Gefühl und ungestillte Sehnsucht in so wenige Verse gebracht werden können, ohne dabei überladen zu wirken. Im Gegenteil, es entsteht eine melancholische Leichtigkeit, durch die verwendeten sprachlichen Bilder in der zweiten und dritten Strophe, die sich alle auf den Wind oder das Fliegen beziehen. Ein sanfter Lufthauch scheint einen beim Lesen beinahe zu umziehen.

Ich habe, zugegebenermaßen, ein gewisses Faible für das Motiv der Nacht, das in der Romantik bekanntlich eine sehr dominante  Rolle spielt. Vielleicht gefällt mir die erste Strophe der Mondnacht deshalb so gut. Es ist eine äußerst sanfte Sommernacht, die Eichendorff zeichnet, sie steht im Blütenschimmer, die ganze schlafende Erde träumt als Personifikation vom Himmel und auch die wogenden Ähren sollen nicht vergessen sein, die den großen Reichtum der Natur zurückhaltend  und doch unübersehbar darstellen.

Ein Gedicht, das zum Träumen anreget und mir jetzt schon Freude auf den kommenden Sommer und Nächte an Lagerfeuern bereitet.

 

 

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