Selbstverständlichkeiten

Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie selbstverständlich offen Menschen ihre politischen Überzeugungen zur Schau stellen, die dann oft nur daraus bestehen, gegen eine bestimmte Partei zu sein. Dabei gibt es folgendes Muster: Ist man jung und progressiv, ist man offen grün und verteufelt die FPÖ, gelegentlich auch die ÖVP. Ist man eher konservativ, wird bei jeder Gelegenheit auf die Grünen und etwas gemäßigter auf die SPÖ geschimpft.

Das wäre ja an und für sich nichts Bemerkenswertes, wenn sich darin nicht eine gewisse moralische Unterdrückung äußern würde. Durch das ganz offene Verächtlichmachen der jeweils anderen Position schafft man Situationen, in denen Andersdenkende nur noch schweigen können, wenn sie keinen offenen Konflikt austragen wollen. (Dies scheint in vielen Gesprächen auch die bessere Wahl zu sein, wenn man beispielsweise noch jahrelang zusammenarbeiten muss.) Widerspricht man den störenden Aussagen, fällt man selbst unter die Ächtung des Gesprächspartners, schweigt man, stimmt man zu. Man kann also zwischen stiller Unehrlichkeit und lautem Krach wählen. Auf Dauer sind beides keine besonders guten Gesprächsgrundlagen.

Eine “Abrüstung der Sprache” würde, vor allem im politischen Bereich, so manchen Konsens ermöglichen. Und auch die Kommunikation zwischen Menschen, die sich nicht so gut kennen, könnte etwas Zurückhaltung vertragen. Man nennt dies wohl auch “Höflichkeit”.

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