Blaue Augen

Blaue Augen

Er saß ihr gegenüber und war wie gebannt von ihren blauen Augen. Immer wieder fiel sein Blick darauf, auch wenn er sich bemühte, sich auf den eigentlichen Inhalt des Gespräch zu konzentrieren. Immerhin ging es um viel für die Schülerin. Die Klasse positiv abzuschließen ist mit 18 Jahren viel wichtiger, als es vielen später zu sein scheint. Deshalb sprach sie auch tapfer gegen ihre mangelhafte Vorbereitung an und versuchte mit wachsender Verzweiflung, das literarische Konzept des Naturalismus halbwegs zu umschreiben.

Er hörte ihr zu, nickte aufmunternd, wenn sie auch nur ansatzweise in die Nähe des Richtigen gelangte, versuchte sie mit Fragen auf den Weg zu führen, der sie einem positiven Ergebnis näher bringen würde. Er resignierte innerlich etwas, wenn sich ihre Worte immer und immer wieder um die falschen Inhalte drehten und sie sich nicht davon abbringen ließ. Und immer wieder musste er diese Augen ansehen. Dieses eigenartige, faszinierend schimmernde Blau.

Er hatte sie  zur zweiten Frage gebeten und ihre blauen Augen mühten sich ab, ein expressionistisches Gedicht zu erfassen. Es gelang ihnen nur mangelhaft, schon die äußere Form konnte sie nicht ausreichend erklären. Als er den Begriff “Sonett” als Hilfestellung andeutete, blickten ihn die Augen mit einer entwaffnenden Hilflosigkeit an und sie schüttelte kaum merkbar den Kopf. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war ihnen beiden klar, dass das nichts mehr werden konnte. Aber er durfte die Prüfung nicht vor der Zeit beenden und sie traute sich nicht, da sie noch immer auf ein kleines Wunder hoffte, das sich nicht und nicht einstellen wollte.

Das anfangs noch überzeugt-überzeugende Gesichtsausdruck war von Minute zu Minute geschwunden und auch bei ihm drohte die Aufmerksamkeit mit der Fortdauer der Prüfung und der damit wachsenden Aussichtslosigkeit zu schwinden. Woher konnte dieses Blau nur kommen? War sie etwa geschlagen worden? Sie hatte ein paar Tage gefehlt. Von einem Unfall hätte er sicherlich gehört. Sie scheiterte am Bestimmen des Metrums und erkannte eines, obwohl keines vorhanden war. Auch am Überschminken war sie gescheitert. Nun war es an ihm, den Kopf zu schütteln, allerdings sollte sie es bemerken und tat es auch.

War es ihr Freund gewesen? Ihr Vater? Jemand unbekannter, der sie beim abendlichen Ausgehen erwischte? Sie war nicht auf den Mund gefallen und es schien durchaus möglich, dass sie ihre Zunge nicht immer im Zaum hatte. Ihm wurde mit einem Mal bewusst, dass sie eine der Schülerinnen war, von deren Privatleben er absolut nichts wusste. Problematisches Elternhaus, Beziehungsdramen und finanzielle Probleme waren ebenso wahrscheinlich wie eine unbeschwerte Kindheit und sorgenloses Leben in Wohlstand. Georg Heym, richtig. Er durfte wieder einmal seine Zustimmung signalisieren und ihr Gesicht hellte sich kurz grundlos auf. Die Sache war längst entschieden und die Augen wussten es.

Sollte er sie im Anschluss fragen? Was, wenn sie zu ihrem prügelnden Vater heimkäme und erzählte, dass sie die Klasse wiederholen musste? War er dann für weitere Schläge verantwortlich oder hätte sie sich einfach besser vorbereiten sollen? War ihr das überhaupt möglich gewesen in ihrem Zustand? Sie sah traurig aus. Offensichtlich hatte sie die Endgültigkeit ihrer Lage akzeptiert. Ihre grünen Augen hatten jeglichen Glanz verloren, es sammelte sich eine einzelne Träne in ihnen. Die vorgeschriebene Prüfungsdauer war vorbei. Sie erhob sich, gab den Stift, den sie sich ausgeborgt hatte, zurück, packte ihre Sachen und verließ mit gesenktem Kopf die Klasse, bevor sie noch das Ergebnis erfahren hatte.

chevron_left
chevron_right