Nachdenklichkeit

Wenn man in eine Klasse kommt und eine Schülerin, die man eigentlich für ein fröhliches Wesen hält, mit Tränen in den Augen auf ihrem Platz sitzend vorfindet, wird man üblicherweise aufmerksam werden und vielleicht sogar nachfragen, was der Grund für die offensichtliche Niedergeschlagenheit ist. Und wenn man dann als Antwort “Manche Lehrer sollten mal auf Fortbildung gehen, damit sie lernen, wie man unterrichten soll!” bekommt, ist das eine Aussage, die einen durchaus zum Nachdenken bringen kann…

Anlässlich der Feier des zehnten Maturajubiläums meiner Klasse saß ich mit vielen Leuten am Tisch, die ich lange nicht gesehen und gesprochen habe. Acht von ihnen erzählten, dass sie noch immer (zehn Jahre später!) manchmal nachts aus dem Schlaf hochschreckten, weil sie vom Unterricht einer bestimmten Lehrerin geträumt hatten. Ich bin mir sicher, dass die betroffene Kollegin, die mittlerweile den Berufstitel einer Oberstudienrätin verliehen bekommen hat und immer noch unterrichtet, keine Ahnung davon hat, was sie bei ihren Schülern ausgelöst hat. Vermutlich hält sie sich für eine gute Lehrerin und ist sich der von ihr verursachten Probleme keineswegs bewusst. Das ist eine Situation, die einen durchaus zum Nachdenken bringen kann…

Wenn man das semesterliche Feedback durchgeht, das man von seinen Schülern bekommen hat, und gewisse Aussagen liest, die nicht unbedingt positiv zu verstehen sind, kann man davon ziemlich betroffen sein, weil das manchmal stark ins Persönliche geht und Anlass gibt, den Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung genauer zu betrachten. Das sind Texte, die einen durchaus zum Nachdenken bringen können…

 

Erlebnisse wie diese sind oft der Anstoß, über das eigene Lehrersein nachzudenken. Wir wissen meist nicht, was wir mit unserem Unterricht auslösen, aber auch anrichten. Wie tief wir junge Menschen traumatisieren, die in unserer Verantwortung stehen. Manchmal kann dafür wahrscheinlich eine unbedachte Äußerung ausreichen, um jemanden auf Jahre hinaus zu verletzen – ohne es gewollt zu haben oder es jemals zu erfahren.

 

Wir können nur nachfragen und auf ehrliche Antworten hoffen, damit uns solche Fehler in Zukunft nicht mehr passieren. 

Ich kann mich nicht erinnern, einmal von einem meiner Lehrer so etwas gefragt geworden zu sein. Und ich hätte mich vermutlich auch im direkten Gespräch nicht getraut, ehrlich zu antworten, weil ich viel zu viel Angst vor der Reaktion gehabt hätte. 

 

Diese Überlegungen geben mir wieder einmal ein klares Bild des “Nicht!”. Ich möchte nicht so werden – und noch viel dringender möchte ich nicht so sein.

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